Ein Jahr Uruguay – das bedeutet ein Jahr weg von Familie und Freunde, weg von der vertrauten Umgebung, aber erst recht ein Jahr Lateinamerika mitsamt seiner Menschen, Kultur, Sprache, Mate, Sonne und mehr. Ein Jahr voller neuer Erfahrungen und spannender Abenteuer, ein Jahr Leben. Ein Jahr, das sicherlich auch mich Fernweherkrankte verändern, mich vor Herausforderungen stellen wird, mich auch reifen lässt und mir vieles geben wird – also ein ganz besonderes Jahr.
Dienstag, 19. November 2013
16. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!
Ich habe es tatsächlich vollbracht! Nach Wochen des Versprechens kommen hier endlich mal einige Fotos aus Montevideo! Ich hab es schon gut getroffen mit meiner Stadt, oder? ;-)
Dienstag, 12. November 2013
15. Du fühlst dich als Uruguaya, wenn...
Du fühlst dich als Uruguaya,...
… wenn du, um wach zu werden, nicht nach einem Kaffee sondern
nach einem Mate fragst.
… wenn du die vielen Yerba-Sorten (das Teekraut für den
Mate) am Geschmack erkennst und sie unterscheiden kannst.
… wenn du dich kein bisschen unter Stress gesetzt fühlst,
wenn du um 16.00 Uhr bei einer wichtigen Verabredung sein solltest, aber erst
um 16.15 Uhr die 40-minütige Fahrt antrittst. Zu-spät-kommen gehört hier schon
fast zum guten Ton.
… wenn du die Choreos sämtlicher „Chocoloate“-lieder
mittanzen kannst. Zum Verständnis: Chocolate ist eine uruguayanische Band, die
zwischen 2000 und 2003 mit eintönigen Gute-Laune-Liedern, ähnlich unserem DJ
Ötzi, ihre größten Erfolge feierte.
… wenn du die Haarfarbe, die in Deutschland als braun
bezeichnet wird, mit blond betitelst.
… wenn dich der Anblick blonder beziehungsweise blauäugiger Menschen
schon so erstaunt, dass du den Blick gar nicht abwenden kannst und sie
neugierig beobachtest.
… wenn du vom reinen Sprachlaut eines spanisch-sprechenden Menschen
schon auf seine Herkunft schließen kannst. (An dieser Stelle möchte ich dezent
darauf hinweisen, dass dieser Satz eine unüberwindbare Herausforderung für
jeden Latino wäre – so viele „sch“-Laute bietet wirklich nur die deutsche
Sprache.)
… wenn dir 22.00 Uhr zu früh erscheint, um zu Abend zu
essen.
… wenn 20°C es immer noch nicht wert sind, die Jacke
auszuziehen.
… wenn du landestypische Ausdrücke kennst und sie
gelegentlich in eigene Sätze einbaust. Typische Schimpfwörter machen dabei, mit
Verlaub, den größten Teil des Repertoires aus.
… wenn du schon viele Asados gegessen hast.
… wenn du die vielen Regeln des Matezubereitens kennst und
ihn fachmännisch herumreichst, aufgießt und umschichtest.
… wenn du bei „desfiles“ mitgetanzt hast. Ähnlich unseren
Karnevalsumzügen sind dies Gruppen von Trommlern und Tänzerinnen, die den
landestypischen Candombe zum Besten geben.
Mit diesen Worten: Liebe Grüße ins kalte Deutschland!
Eure Uruguay-Julia
Dienstag, 29. Oktober 2013
14. Einfach nur so...
Aus purer Langeweile einerseits und Schaffensfreude andererseits könnt ihr hier einfach nur ein paar Fetzen lesen.
Ein Versprechen, das ich geben und halten werde:
Irgendwann kommen Bilder von Montevideo.
Ein Versprechen, das ich gegeben habe und nicht einhalten kann:
Bald Fotos von Montevideo hochzustellen. Habe blöderweise meine SD-Karte verloren... mit den Bildern...
Großes Pech:
Jemand aus meiner WG hat sich gestern Nacht den Finger abgeschlagen während der Arbeit. Die Maschine hat leider nicht stoppen wollen, mit 10 Tonnen Gewicht einzuschlagen, als der Finger auf einmal unter der Stanze war.
Großes Glück:
Eigentlich alles hier.
Witzigste Situation heute:
Wir waren heute mit den Kindern in einem Park. Um kostenlos mit dem Bus fahren zu können, müssen die Kinder einfach nur ihre weiße Tunika und ihre blaue Halsschleife tragen, die an einem Gummiband befestigt ist. Heute kam dann eben ein Junge völlig verzweifelt zu uns und meinte, er fände sein Gummiband nicht mehr. Witzigerweise hat er aber die ganze Zeit mit dem Band um den Hals gespielt, was ihm so gar nicht aufgefallen ist. Als er sich dessen bewusst geworden ist, war der perplexe Gesichtsausdruck einfach nur göttlich!
Schönstes Gefühl heute:
Draußen sitzen, mit Freunden lachen und sich die Sonne auf die Haut strahlen lassen.
Größte Vorfreude:
Die Urlaubspläne nehmen immer mehr Gestalt an. Es geht nach Brasilien, genauere Informationen folgen...
Neues Wissen:
In Uruguay werden am 29. jeden Monats immer Gnocchis gegessen. So auch heute.
Unnötige Information:
Mein Mitbewohner hat heute die erste große, fliegende Kakerlake gesehen - ekelhaft!
Samstag, 26. Oktober 2013
13. Ich bin verstört...
Leute, ich hatte gerade ein ziemlich verstörendes Erlebnis.
Ich war im Theater Solis, dem größten Theater Montevideos, um eine
Tanzaufführung anzuschauen, die im Rahmen mehrerer Tanzdarstellungen zwischen
August und November stattfindet. Das Projekt heißt Solo al Mediodia und
bedeutet einfach nur, dass ein Tanzstudent ein ca. 40-minütiges Programm
bietet.
Bin also voller Erwartungen hin und war schon leicht
irritiert, als es nichts gab, wo hätte Musik entstehen können. Weder Anlage
noch Band oder dergleichen. Nun ja, dann ging es eben los. Ein junges Mädchen
im Wintermantel, der über und über mit Tüten behangen war, sagt einfach nur: „Ich
renne jetzt los!“ Und sie rennt. Immer im Kreis. Im gleichen Tempo. Ab und zu
sagt sie etwas, für mich leider unverständlich, da ihr der Atem wohl gefehlt hat.
Das Spannendste am Rennen war noch, dass es sie einmal fast hingelegt hätte…
Irgendwann sagt sie, sie wolle sich jetzt ausruhen. Das tut
sie dann auch. Sie legt sich auf den Boden und präsentiert einfach nur einige
Positionen, die strandtauglich anmuten. Dann zeiht sie die Tüten vom Mantel runter
und hängt sie sich an die Hände. Eine Steigerung der Expressionsgewalt erfährt
die Darbietung, als das Mädchen auf einmal anfängt, sich auszuziehen. Ohne
Hände. Deswegen ein großer Kampf und eine lange Prozedur. Schlussendlich steht
sie in Unterwäsche da und stülpt sich die Tüten über Gliedmaßen und Kopf, setzt
sich hin und ist ruhig. Fertig.
Ich bin ehrlich gesagt etwas verstört: Was um Himmels Willen
sollte das? Was sollte das ausdrücken? Habe ich irgendetwas verpasst? Klar, es
war nicht unbedingt schlecht, weil die Darbietung auf jeden Fall zum Nachdenken
und Grübeln anregen konnte und es sicherlich auch unermesslich viele
Interpretationsmöglichkeiten gibt, die eben offen gelassen werden sollten.
Möglicherweise sollte die Darbietung ein Spiegel unserer Welt sein. Ein Rennen,
ein hastiges Ausruhen, kein Sich-Zeit-Nehmen für andere Dinge. Ein sich-Entblößen,
seine Identität ablegen, sich verwundbar zeigen, um sich dann mit etwas
einzukleiden, was keine Unterschiede zulässt: Plastik. Oder referieren die
Tüten auf die Verschmutzung der Welt? Und damit unsere eigenen Fehler? Unser
Verschmutzen der Welt?
Ich habe keine Ahnung und bin einfach nur verstört…
Donnerstag, 24. Oktober 2013
12. Hola
Zurzeit sind die Wochenenden bei mir so schön ausgefüllt,
dass der Blog ein wenig in Vergessenheit geriet. Im Grunde genommen weiß ich
auch gar nicht so recht, wo ich anfangen soll, es ist schließlich schon wieder
Einiges passiert. Um es mir und euch leichter zu machen, greife ich demnach auf
die altbekannte Darstellungsweise der chronologischen Schilderung zurück, nicht
ganz so spannend, aber effektiv:
An einem Wochenende Anfang Oktober, ich kann schon gar nicht
mehr sagen, welches Datum es war, war ich mit den Leuten vom Club de Niños in
Colonia Waldense, einem kleinen Dörfchen, das auch nur wenigen Einwohnern
Herberge bietet und dies auch nur über die Sommermonate, da es im Winter außer
einem eisigkalten aber schönen Strand und einem winzigkleinen Supermarkt nichts
bietet. Im Sommer hingegen bietet es einen angenehm warmen und schönen Strand,
weshalb der Besuch durchaus lohnenswert war. Zumal der Zusammenhalt in der
Mannschaft enorm ist und sich alle eher als Freunde und nicht als
Arbeitskollegen verstehen. Dementsprechend witzig ging es zu, insbesondere die
Abende, die sich bis früh in die Morgenstunden zogen. Besonders erwähnenswert
ist auch, dass wir innerhalb von 2 Tagen 3 Mal Asado gegessen haben! Aber so
richtig Asado mit Massen an Fleisch, die wir uns als Deutsche einfach nicht
vorstellen können.
Das darauffolgende Wochenende war ähnlich schön: Julian und
ich erhielten Besuch einer deutschen Freiwilligen, die in Mercedes ihren Dienst
leistet. Es war ein sehr schönes Wochenende, das natürlich vom typischen
Touriprogramm geprägt war: Die berühmten Sehenswürdigkeiten anschauen, durch
die Innenstadt schlendern, gut essen, shoppen, das Nachtleben genießen, Mate
trinken, etc. Dabei kamen wir in den Genuss der lateinamerikanischen Sonne!
Unglaublich aber wahr: Ich sitze jetzt zwar schon wieder im Winterpulli vor dem
PC und traue mich nicht ohne Schal und Jacke aus dem Haus, aber an besagtem
Wochenende wollte uns das Klima wohl reich beschenken und ließ die Sonne heiß
herunterscheinen. Was mich immer noch fasziniert ist die Stärke der Sonne! Man
merkt absolut, dass wir hier näher an der Sonne sind, denn schon eine Stunde in
der Sonne hinterlässt farbenfrohe Grüße auf der Haut…
| Hier habt ihr mal einen kleinen Einblick in unsere Küche. Sie ist wirklich nicht schön, aber sie bietet viel Platz und mit den richtigen Leuten ist es selbst dort gemütlich :-) |
| Von links nach rechts: Jennifer, die amerikanische Freiwillige, die mit mir im Projekt ist, Manu, uruguayanischer Student und Hannah, der deutsche Besuch |
| Hannah und mein deutscher Mitbewohner Julian |
Samstags besuchte ich zudem ein weiteres Projekt im Barrio
Borro, dem Viertel, in dem ich arbeite. Mir war rein theoretisch zwar immer
bekannt, dass dies das ärmste Viertel Montevideos ist, doch fehlte mir immer
ein tieferer Einblick in die Strukturen des Barrios – schließlich kannte ich
nur den Weg des Busses, der die guten Straßen nutzt und mich direkt vor die Tür
der Obra bringt. Mehr als dieses Stückchen des Barrios habe ich auch nie
gesehen, da es sich auch einfach nicht anbietet, sich als Fremde alleine auf
Erkundungstour zu begeben. An jenem Tag bin ich auf meine Bitte hin allerdings
mit einer Sozialarbeiterin durch das Barrio gelaufen und habe das erste Mal
Flecken gesehen, die mich ehrlich gesagt sehr erschrocken haben.
Heruntergekommene Hütten, Wege, die kaum betretbar sind, da sie von Schlamm und
Fäkalien verdreckt sind, Müllberge, die das gesamte Barrio unter sich zu
begraben scheinen, Hunde, die nicht aufhören können, sich die Flöhe aus dem
Fell zu kratzen und dann die Menschen, die ganz unterschiedlich auf die „Fremde“
reagieren: Skeptisch, argwöhnisch, stumm. Ich habe versucht, mit zwei Frauen zu
reden, doch die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ließ zu wünschen übrig.
Aber was will ich auch. Ich bin nun einmal die Fremde, die aus dem reichen
Deutschland kommt, der es unermesslich gut geht und die am Ende des Tages in
ein stabiles Haus zurückkehrt.
Ich möchte an dieser Stelle aber betonen, dass ich mir
keinesfalls ein Urteil über die Menschen zumute und sie erst recht nicht als „böse“
Menschen darstellen möchte. Es war ein flüchtiger kurzer Einblick und wenn ich
es mir so überlege: Ich glaube, ich würde genauso argwöhnisch schauen, wenn in
meinem Viertel auf einmal jemand rumläuft, der so ganz anders ist als ich und
alles akribisch inspiziert.
Was mich dafür sehr erfreut hat, ist das Verhältnis der Menschen
zu der Sozialarbeiterin. Sie wurde immer gegrüßt und mit größtem Respekt
behandelt. Denn schließlich konnte sie sich in langer Arbeit das Vertrauen
verdienen und zeigen, dass ihr die Menschen wirklich am Herzen liegen und sie
helfen will. Die Kinder sind freudestrahlend auf sie zugerannt, die Hausfrauen
wollten das Bisschen an Essen, was sie haben, mit ihr teilen, die Männer
nickten anerkennend.
Traurig ist an dieser ganzen Geschichte, dass so gut wie
niemals jemand dieses Bild der Menschen des Barrios zu Gesicht bekommt.
Vielmehr dominieren die stereotypen Bilder der bösen, kriminellen Schatten die
Köpfe derjenigen, die nicht im Barrio wohnen und determinieren daher auch das
gesamte Verhältnis der Gesellschaft zum Barrio. Die Montevideaner wissen wenig
über das Barrio, haben mit keinem einzigen Bewohner jemals geredet, haben das
Barrio nie betreten und haben Angst, es überhaupt zu besichtigen aber muten
sich ein Urteil über das Leben, die Menschen, das Barrio zu. Mir wurde zudem
erzählt, dass die Perspektiven, eine Arbeit außerhalb des Barrios zu finden, erheblich
schwinden, sobald man anführt, man käme aus dem Barrio, was meistens dazu
führt, dass die Menschen ihre Identität zu verbergen versuchen.
Es ist so unglaublich traurig, dass trotz der räumlichen
Nähe so viel Unwissen und Distanz herrscht und den Menschen, in meinen Augen,
einfach nur Unrecht getan wird, indem so über sie gedacht wird. Die Kinder und
Jugendlichen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, sind nämlich so wahnsinnig
toll und voller Lebensfreude und einfach nur ganz normale Kinder, die spielen,
leben, lachen und lernen wollen.
Ich versuche, in nächster Zeit ein wenig über die
Perspektiven der Kinder und Jugendlichen zu erfahren. Schließlich ist es ja
auch ein Ziel des Projektes, ihnen Zukunftsperspektiven zu vermitteln und nicht
nur Freizeitbeschäftigung zu sein. Denn im Moment muss ich gestehen, dass ich
noch keine gute Antwort auf diese Frage gefunden habe.
PS: Ach, ich weiß ja, dass ich vor geraumer Zeit versprochen
habe, Bilder von Montevideo hochzuladen und dass ich dies noch lauthals als
number-one auf meiner to-do-liste angekündigt habe. Die Bilder habe ich schon
längst gemacht, nur ist leider die SD-Karte seit Wochen im Umlauf und hat ihren
Weg zu mir noch nicht zurück gefunden. Sobald dies geschehen ist, kommen aber
mal wirklich FotosJ
Sonntag, 6. Oktober 2013
11. Besuch von ganz kleinen Gästen
Seit dieser Woche haben wir verstärkten Besuch von kleinen, ganz besonderen Gästen. Sie heißen Piojos (diejenigen, die Spanisch können, sind nun klar im Vorteil; alle anderen müssen wohl oder übel ein Wörterbuch konsultieren) und einige Freunde von ihnen sind immer in der Obra anwesend. In der Anzahl, in der sie aber diese Woche in der Obra vertreten waren, haben sie sich noch nie in der Obra eingefunden. Besonders gut verstehen sie sich mit den Mädchen der Obra, weshalb sie zu ihnen auch den größten Kontakt pflegen. Mich meiden die Gäste bisher noch und wenn ihr ehrlich bin, darf das auch ruhig so bleiben, schließlich muss ich nicht mit allen Gästen Bekanntschaft schließen.
Normalerweise spielen die Kleinen meist in geringer Anzahl auf den Kindern herum, mittlerweile haben sie aber schon fast einen Abenteuerspielplatz mithilfe der Mädchen errichtet und es scheint, als haben sie zudem ein neues Spiel entwickelt: Welcher Gast kann am meisten andere Gäste huckepack nehmen? Meine Mitarbeiterin konnte bereits einen stolzen Gewinner küren: Ein besonders kräftiges Kerlchen war tatsächlich dazu in der Lage, drei seiner Spielgefährten zu tragen! Eine Leistung, die in der Obra schnellen Bekanntheitsgrad erlangte und von allen den größten Respekt verdient.
Ich persönlich hoffe, dass der Besuch sich nicht zu lange bei uns aufhalten möchte und uns bald verlässt. Aber mal sehen, wenn er sich wohlfühlt und die Mädchen keine Schritte einleiten, um den Besuch heimzuschicken, wird uns der Besuch wohl noch ein Weilchen erhalten bleiben.
Sonntag, 29. September 2013
10. Emoción pur!!!
Der Titel mag den Anschein einer dramatischen, bewegenden,
unvorstellbar mächtigen Gefühlsregung erwecken, doch ganz so imposant ist das,
was ich erzählen möchte, dann doch nicht. Das Wort passt einfach nur gut zu den
vielen kleinen Begebenheiten der letzten Zeit, die sich alle unter diesem
weitreichenden Begriff zusammenfassen lassen.
ZUFRIEDENHEIT
Zufrieden, ja, das bin ich hier sehr wohl! Es ist, einfach
ausgedrückt, alles gut. Mein Leben läuft hier in geregelten Bahnen, es gibt
nichts, worüber ich mich großartig beschweren müsste (außer vielleicht die
Küche, die teilweise in einem ekelerregenden Zustand hinterlassen wird), ich
bin gesund und munter, wachse täglich mehr in das Leben hinein, sammle
einzigartige Erfahrungen, treffe die interessantesten Leute; ich bin also zufrieden.
http://www.youtube.com/watch?v=kMNPv_HXffQ
Das Lied läuft hier gerade rauf und runter. Ich mag es und passt ganz gut zur Zufriedenheit...
http://www.youtube.com/watch?v=kMNPv_HXffQ
Das Lied läuft hier gerade rauf und runter. Ich mag es und passt ganz gut zur Zufriedenheit...
NACHDENKLICHKEIT
Diese Woche war Ricardo, der Koordinator der IERP, bei uns
zu Besuch in Montevideo. Das Einzelgespräch, das Ricardo und ich dann führten,
hinterließ mich mit vielen Gedanken und Überlegungen. Er hinterfragte vieles,
worüber ich mir bis zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt noch nicht so viele
Gedanken gemacht habe. Mir ermöglichte das teilweise einen neuen Einblick auf
das Jahr, auf meine persönlichen Herausforderungen und Erwartungen, weshalb ich
nun sehr dankbar für dieses schöne Gespräch bin.
MÜDIGKEIT
Ganz ehrlich: Die letzte Woche war mit eine der
anstrengendsten. Wegen der fiesta de
primavera, zu Deutsch „Frühlingsfest“, die am Freitag stattfand, musste
während des regulären Obra-betriebs einiges vorbereitet werden. Die Kinder
mussten ihr Programm intensiv proben, wir profesores
mussten planen, basteln, nähen, koordinieren. Deshalb übernahm ich die
alleinige Aufsicht über eine Kleingruppe von Kindern, die Geschenke für die
Familien basteln sollten. Es lief mit den meisten Gruppen auch alles bestens,
bis sich in der Gruppe der ältesten Kinder ein heftiger Streit zwischen zwei
Mädchen entwickelte. Das war vielleicht ein Spaß, denn es ist gar nicht mal so
leicht, mit dem bisschen Spanisch schnell zu interagieren und zu schlichten!
Abgesehen von den Sprachproblemen ist es auch einfach enorm schwer, den Kindern
verständlich zu machen, dass mich nicht interessiert, wer angefangen hat,
sondern sich mein Interesse darauf richtet, wer zuerst aufhört und wer sich
jetzt im Zeitpunkt des Streites wie verhält. Gerade als ich dachte, ich hätte
mich deutlich ausgedrückt und die Mädchen hätten verstanden, was ich von ihnen
verlange, kam wieder die Äußerung: „Aber Julia, sie hat angefangen! Hast du mich nicht mehr lieb oder warum glaubst du mir nicht?“ :-/ Ganz schön deprimierend,
wenn man einsehen muss, dass man wieder von vorne anfangen darf.
Generell empfand ich die Woche als sehr konfliktreich.
Vielleicht auch nur, weil ich mittlerweile mehr von den Schimpfwörtern
verstehe, die sich die Kinder an den Kopf werfen und daran merke, dass das kein
freundschaftliches Gespräch mehr ist, vielleicht aber auch, weil die Kinder
mittlerweile mehr Vertrauen zu mir gefasst haben und von selbst meine Hilfe
aufsuchen. Nun gut, auf jeden Fall habe ich in diesen Streitgesprächen
deutliche Fortschritte mit meinem Spanisch gemacht, weil auf einmal höchste
Konzentration und schnelle Reaktion gefragt waren.
VERÄRGERUNG
Ein Problem, mit dem sich wohl jede große WG konfrontiert
sieht, ist das mysteriöse Verschwinden von Lebensmitteln. Als meine erste
Milchpackung plötzlich nicht mehr aufzufinden war, habe ich mir noch keine
Gedanken gemacht und es mit Humor genommen. Schließlich hatte ich ja noch eine
zweite. Als diese dann am nächsten Tag auch weg war, kam ich mit Humor
allerdings nicht mehr weit. Es ist zwar einerseits nur Milch, aber
andererseits: Es ist meine Milch! Versteht ihr? Das ist irgendwie blöd, wenn
die weg ist…
Ab jetzt ziert mein Name jeden noch so kleinen gekauften
Artikel, mal sehen, ob das was bringt.
GLÜCK/ STOLZ/ ERFÜLLUNG/ RÜHRUNG
Ich ließ bereits verlauten, dass wir am Freitag den Frühling
feierten. Es war ein wirklich schöner Tag und ein gelungenes Fest! Das Wetter
hat mitgespielt, die Bühne war schön dekoriert, das Programm stand und die
Kinder und wir hatten definitiv unseren Spaß. Für mich war es unglaublich schön
zu sehen, wie sich die Kinder auf ihre Auftritte vorbereitet haben: Hinter der
Bühne haben sie sich gegenseitig Mut zugerufen und betont, dass sie vor allem
Spaß haben möchten vor dem Vorhang. Als es dann wirklich losging, war ich
fasziniert, wie konzentriert und ernst die Kinder auf einmal waren, ihre
kindlichen Späße, die einen zum Lachen bringen müssen, aber trotzdem nicht
lassen konnten.
FASZINATION
Dass die Menschen hier unglaublich nett und herzlich sind,
habe ich bereits bemerkt. Das, was ich letzte und diese Woche aber an
Herzlichkeit erfahren durfte, hat mich aber besonders fasziniert.
Am letzten Samstag war ich auf dem Markt, um mir endlich meinen
eigenen Mate-becher zu kaufen. Für den Fall, dass ich bisher noch kein Wort
darüber verloren habe: Mate ist das Getränk überhaupt hier in Uruguay. Für
diese Tradition werden der Becher, der traditionellerweise aus einem Kürbis
besteht, die Bombilla, eine Art
Metallstrohhalm, die yerba,
kleingeraspelte getrocknete Blätter, mit denen der Mate komplett gefüllt wird
und heißes Wasser benötigt. Der Mate wird dann also mit ein wenig Wasser
gefüllt und von Person zu Person gereicht – ein sehr gemeinschaftliches
Erlebnis.
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| mein erster eigener Mate - ist er nicht schön? |
Zurück zum Samstag. Ich war demnach auf dem Markt und habe
mich an einem kleinen Stand in einen wunderschönen Becher verliebt, den ich
seitdem auch mein Eigen nenne. Mein
Blick fiel auch auf eine Thermos-kanne, wobei ich mir diese nur unter Vorbehalt
angeschaut habe, da ich mir nicht sicher war, ob ich genügend Geld dabei habe.
Der Verkäufer und sein Sohn, mit denen ich mich eine Zeit lang unterhalten
habe, meinten daraufhin einfach nur, ich solle den Thermos so mitnehmen,
irgendwann wiederkommen und dann zahlen. Ich war völlig verdutzt und
beeindruckt! Schließlich waren es 300 Peso, die mir da anvertraut wurden! Einen
Rabatt auf den Mate und die Bombilla habe ich auch noch bekommen. Diese Woche
bin ich dann eben wieder hin, um zu bezahlen, was noch zu bezahlen war. Beide
Verkäufer freuten sich sehr über das Wiedersehen, wobei fraglich ist, welches
Wiedersehen ihnen mehr Freude bereitet hat: Dasjenige mit mir oder mit dem
Geld. Ich blieb für lange Zeit am Stand, habe den Mate das erste Mal
eingeweiht, da er erst einmal eine Woche mit alter yerba ziehen muss, wurde auf
Kaffee und Empanadas eingeladen und hatte wieder ein sehr angenehmes Gespräch.
Ich bin mir sicher, dass ich mich auch noch in Jahren an diese Geschichte
erinnern werde und meine Faszination über die Herzlichkeit niemals verlieren
werde.
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